Die Batterie war leer

Diese Uhr blieb stehen.

Die Batterie war leer 

 

Heute ist für mich ein schwieriger, wenn nicht sogar schrecklicher Tag. Die Erinnerung an einen 11. April, welcher ebenfalls auf Freitag fiel und eine Woche vor Ostern lag, ist einfach zu stark. 

 

Aber was geschah an diesem Tag?

Wie fast jeder Freitag, war der 11. April 2003, für mich ein Arbeitstag. Meist verbunden mit unbezahlten Überstunden, wie es im Handel üblich ist.

 

Nach der Arbeit wollte ich bei meinen Eltern vorbeischauen, welche wie ich in Crottendorf wohnten.

Endlich war es soweit. Ich hatte meine Arbeit geschafft und konnte nach Hause fahren. Noch ein Anruf und Bescheid geben, dass ich bald komme.

Nach kurzer Zeit ging meine Mutter ans Telefon. Wir sprachen miteinander. Jedoch auf einmal Ruhe. 

Keine Stimme mehr zu hören? Warum?

Mehrfach versuchte ich, ihre Nummer erneut zu erreichen. Doch gingen weder sie noch mein Vater ans Telefon.

 

Irgendwie bekam ich Angst. Was ist geschehen? Ich setzte mich ins Auto und raste so schnell wie möglich nach Crottendorf. Rannte zum Haus, zur Wohnung. Und sah meine Mutter tot vor mir liegen.

 

Gerade kam ein Notarzt. Mein Vater hatte, als er sie fand, noch schnell den Notruf alarmiert. Jedoch kam jede Hilfe zu spät. 

Ich glaube auch nicht, dass sie diese Hilfe gewollt hätte. Ihre Weltenuhr war abgelaufen. Die Batterie war leer.

 

Einige Zeit später fiel uns auf, dass die Küchenuhr ungefähr zum Zeitpunkt des Todes stehen geblieben war. Auch ihre Batterie war leer und sie funktionierte nicht mehr. Jedoch konnte man die Batterie der Uhr auswechseln.

 

Bei meiner Mutter ging dies nicht. Dafür hatte sie eine andere Hoffnung, um weiter zu leben. 

In der Herrnhuter Losung ihres Todestages, dem 11. April 2003 lesen wir: 

"Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde." Psalm 71,9.

In dieser Hoffnung sowie dem Lebensmotto: "Schau auf Jesus und sein Licht. Alles andere hilft dir nicht." konnte Sie beruhigt in ein anderes Leben hinübergehen.

Somit läuft auch die Lebensbatterie meiner Mutter weiter. Sie ging aus dieser Welt und gewann ein neues Leben.

 

© Uwe Seltmann

11.April 2025

Die Stasi ruf

Als Uffz.-Schüler 1986.

 

Die Stasi ruft

 

Wie viele junge Männer in der DDR erhielt auch ich im Laufe des Jahres 1985 einen Einberufungsbefehl.

Ich hatte mich für einen 3-jährigen Wehrdienst als UaZ entschieden. Für die, welche mit diesem Begriff nichts anfangen können oder in den westlichen Besatzungszonen aufgewachsen sind: Unteroffizier auf Zeit.

 

Verwundert war ich lediglich, wohin mein Weg gehen sollte, nämlich an die Unteroffiziersschule "Egon Schultz" der Grenztruppen der DDR. Davon war beim Wehrkreiskommando niemals die Rede gewesen.

 

So fuhr ich voller jugendlichem Enthusiasmus am 5. November 1985 von meinem heimatlichen Crottendorf in die Garnisonsstadt Perleberg. Dort gab es nicht nur die Unteroffiziersschule der Grenztruppen, sondern auch zahlreiche russische Einheiten, welche die Stadt und das Umfeld prägten.

 

Relativ schnell hatte ich die Schnauze voll. Die Grundausbildung war nicht ohne. Keinen interessierte, dass ich während der Schulzeit von vielen Sportarten befreit war.

Aber gerade darum wollte ich zeigen, dass ich es trotzdem schaffe. So steigerte ich mich im 5.000-Meter-Lauf von der Note 5 auf Note 1. Denn diese 5000 m durfte unsere Kompanie glücklicherweise jeden Morgen, von Montag bis Samstag, als Frühsport um den Kasernenhof laufen. 

 

Irgendwann war auch die Zeit der Grundausbildung vorbei. Es begann die normale Ausbildung in den entsprechenden Bereichen.  Wahrscheinlich hatte man trotzdem auf meine gesundheitlichen Aspekte Rücksicht genommen, denn für mich begann eine Ausbildung zum Funkaufklärer.

 

Dies war sehr ungewöhnlich. Waren doch die anderen Uffz.-Schüler der 9-köpfigen Gruppe Söhne von Offizieren, Direktoren oder irgendwelchen SED-Kadern. Letztendlich war es jedoch eine interessante Tätigkeit, in welcher wir ausgebildet wurden, den gegnerischen Funkverkehr zu überwachen und Auffälligkeiten an das Kommando der Grenztruppen zu melden. 

Insgesamt gab es hierfür 9 Trupps entlang der innerdeutschen Grenze, welche in der Regel mit einem Fähnrich als Truppführer, 2 Berufsunteroffizieren und 4 UaZ besetzt waren.

 

An einem Tag Anfang 1986 wurde befohlen, mich zu einem Gesprächstermin einzufinden. Dazu gab es keine weiteren Erläuterungen. Zur angegebenen Zeit war ich vor Ort und staunte, dass ein Zivilist die Tür öffnete. Dies klärte sich sofort, als er sich als Offizier der Staatssicherheit namens Roland vorstellte.

 

So saß ich in der Falle und musste abwarten, was geschah.

Zuerst zeigte Roland mir einen dicken Ordner und meinte, dass darin alles über mich und meine Familie stehen würde. Gerne hätte ich in diesen Ordner geschaut. Denn meine innere Meinung sagte: "Wenn das so ist, dürfte ich kaum hier sitzen. Da müsste drin stehen, dass ich in der Schule einen öffentlichen Verweis wegen Verbreitung antisozialistischer Schriften bekommen habe. Diese Schriften waren mein erstes Gedicht, welches ich geschrieben habe. Sogar mit Jugendwerkhof wurde gedroht" Wahrscheinlich interessierte dies jedoch niemand mehr.

 

Denn nun begann Roland mit seinen Fragen und Erläuterungen. Und machte mir den Vorschlag, zu überlegen, ob ich Interesse hätte, mich zum Funkaufklärer beim MfS ausbilden zu lassen. Immerhin wäre ich nach der Ausbildung Offizier und hätte eine interessante Tätigkeit vor mir.

 

Natürlich war er über meinen bevorstehenden Heimaturlaub informiert. Ich soll beobachten, wie die Menschen auf mich reagieren, wenn sie mir als Grenzer in Uniform begegnen. Eine Verwandte bekommt Urlaub aus dem Westen. Auch dort soll ich vorbeischauen.  So seine Vorschläge zur Gestaltung meines ersten längeren Heimaturlaubs.

In der 2. Urlaubswoche ist dann eine Reise nach Berlin notwendig, um alles zu besprechen, damit die Ausbildung zum Offizier des MfS beginnen kann.

Abschließend erhielt ich Kontaktdaten für den Besuch in Berlin und wurde verabschiedet. Ich weiß nicht, was mir in diesen Minuten durch den Kopf ging. Aber innerlich kämpfte ich dagegen an.

 

Einige Tage später fuhr ich in den Urlaub. Für mich gab es nur einen Weg, um allem zu entgehen. Dieser Weg führte zu Beginn der 2. Urlaubswoche zum Arzt und hieß Krankenschein.

Natürlich musste ich mich bei der Unteroffiziersschule, dem Wehrkreiskommando und Roland von der Stasi melden. Dies bedurfte mehrerer Telefonate, was zu DDR-Zeiten etwas schwierig war. Denn wer hatte schon ein Telefon? Also ging ich auf die Telefonzelle der Post.  Mehrere Versuche, Roland auf der mir mitgeteilten Rufnummer zu erreichen, schlugen fehl. Ich wäre falsch verbunden. Was ich so nicht glauben wollte. Denn ich habe bestimmt die richtige Nummer bekommen und gewählt.

Jedoch machte ich mir Gedanken, wie ich mich verhalten soll. Einerseits war mir bewusst, dass ich auch im Urlaub "unter Beobachtung stand". Und vor allem war völlig unklar, was mich bei meiner Rückkehr an die Unteroffiziersschule erwartet.

 

Umso erstaunlicher war, dass nach meiner Rückkehr aus "Urlaub mit Krankschreibung" keinerlei Fragen gestellt wurden. Ich beendete meine Ausbildung zum Unteroffizier und sah der Versetzung an meine erste Dienststelle, dem Funkaufklärungstrupp 3 in Ohrsleben, entgegen.

 

Ebenfalls über Monate keine Fragen. 

Bis an einen Tag im Herbst 1986. Der Truppführer teilte mit, dass ich am kommenden Tag bei der Abteilung 2000 (Stasi bei den Grenztruppen und NVA) am Grenzübergang Marienborn erwartet werde.

Ich ahnte, was mir blühen würde. Einen Ausweg gab es nicht. Befehl war Befehl. 

In Marienborn begrüßte mich ein Hauptmann der Staatssicherheit in Uniform der Grenztruppen. Dieser erklärte, dass das Gespräch auf Tonband aufgezeichnet wird. Man hat vor über einem halben Jahr ein Gespräch mit mir geführt und keine Rückmeldung erhalten. Dies soll jetzt geklärt werden.

 

Irgendwie waren mir der Hauptmann und sein Tonband unsympathisch. Vor allem das Band. Ich wollte nicht aufgezeichnet werden. So beschloss ich zu schweigen. Schaute dem Hauptmann in die Augen und sagte nichts. Einfach nichts. 

Es war keine schöne Situation. Weder für ihn noch für mich.

Er bekam keine Antwort. Und mir war klar: "Ich will nicht zur Staatssicherheit".

 

Irgendwann wurde das nicht entstandene Gespräch seinerseits beendet. Da ich nicht kooperativ war, wurde ich an den Standort Gutenfürst / Kandelstein strafversetzt. Vermutlich hatte er nicht auf meine Adresse geschaut. Denn von dort aus war es nicht mehr ganz so weit in meine Heimat. So konnte ich gut mit dieser Versetzung leben.

 

Ich wurde nie mehr auf dieses Thema angesprochen, jedoch perfekt überwacht.

Mein Dienst bei den Grenztruppen wurde beendet, indem ich 1989 ins Kommando der Grenztruppen verbracht und unter Arrest gestellt wurde. Mit den Worten "In diesem Staat bekommen Sie nie mehr einen Fuß auf den Boden" wurde ich nach mehreren Wochen entlassen. Aber dies ist eine Geschichte für sich.

 

Letztendlich war die Zeit bei den Grenztruppen trotzdem ein Abenteuer, welches ich in meinem Leben nicht vermissen möchte. 

 

© Uwe Seltmann

5. November 2023

 

Kein Fuß auf dem Boden

Kein Fuß auf dem Boden

 

Meine Lebensgeschichte „Die Stasi ruft“ endet mit folgenden Zeilen:

Mein Dienst bei den Grenztruppen wurde beendet, indem ich 1989 ins Kommando der Grenztruppen verbracht und unter Arrest gestellt wurde. Mit den Worten: „In diesem Staat bekommen Sie nie mehr einen Fuß auf den Boden“ wurde ich nach mehreren Wochen entlassen. Aber dies ist eine Geschichte für sich.

Letztendlich war die Zeit bei den Grenztruppen trotzdem ein Abenteuer, das ich in meinem Leben nicht vermissen möchte.

 

Über das Ende dieses Abenteuers möchte ich nun berichten.

1989 ist ein Jahr, das jedem DDR-Bürger in Erinnerung bleibt. Ein Jahr, das eine Wende brachte, die man „friedliche Revolution“ nannte. Ich selbst sehe es nicht als Revolution, da viele Faktoren hierbei eine Rolle spielten.

 

Die Unruhe war letztendlich überall im Land spürbar. Die DDR-Bürger hatten ein Gespür für Wahrheit und Lüge, für Sinn und Unsinn. Und eben dieses Gespür ist ihnen bis heute erhalten geblieben – in einer Zeit, die aus meiner Sicht erneut einem ähnlichen Zusammenbruch eines ungeliebten Regimes entgegengeht.

Natürlich war dies auch bei den Grenztruppen spürbar. Außerhalb des Grenzgebietes konnte es durchaus vorkommen, dass man in Uniform angepöbelt wurde. Aber es gab Schlimmeres.

Ich denke, jeder DDR-Bürger überlegte sich in diesem Jahr, wie es wohl weitergehen würde. So auch ich.

 

Einerseits war ich christlich erzogen. Meine Eltern hatten in diesem Staat viel Negatives, aber auch Positives erlebt. Bereits in der Schule hatte ich den ersten Kontakt mit der Staatssicherheit, als ich mein erstes Gedicht schrieb. Ein Mitschüler brachte es zum Schuldirektor. Am nächsten Schultag waren die Herren des MfS vor Ort. Das Ergebnis war ein öffentlicher Verweis wegen „Verbreitung faschistischer Flugblätter“. Dieser wurde mir vor der gesamten Schule ausgesprochen und über längere Zeit im Schulgebäude ausgehängt. Zusätzlich wurde mit dem Jugendwerkhof gedroht.

 

Natürlich verhielt ich mich danach ruhiger. Ich erinnere mich noch an die Aussage eines Lehrers: „Man sieht dir an, wie du zu unserem sozialistischen Staat stehst.“ Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich, wie manche Menschen von heute auf morgen ihre Farbe wie Chamäleons wechseln können.

Auch bei den Grenztruppen, der Polizei und vielen anderen Institutionen erlebte man diesen schlagartigen Gesinnungswechsel vieler Menschen, Funktionäre und Mitläufer mit der sogenannten Wende.

 

Ja, es war die Wende der Wendehälse.

Am liebsten waren mir jedoch die Menschen, die ihre Überzeugung nicht einfach über Bord warfen, sondern sich und ihr Handeln hinterfragen. An einen davon denke ich öfter. Er war so ehrlich, mir während meiner Armeezeit zu sagen, dass er über mich berichten müsse. Für ihn brach eine Welt zusammen. Aber er hinterfragte sich – und war ehrlich.

 

Doch was war mit mir 1989? Ich hatte Schule und Lehre hinter mir. Weder vom Kapitalismus der BRD noch vom Sozialismus der DDR war ich überzeugt. Während der Lehre ließ ich mich darauf ein, in die SED einzutreten, um endlich Ruhe vor dem Drängen meines Ausbilders zu haben. Innerlich war es für mich bedeutungslos.

 

1985 wurde ich einberufen. Ich hatte mich freiwillig für drei Jahre verpflichtet – nicht aus Überzeugung, sondern um mir selbst und anderen zu beweisen, dass ich es schaffe. Hatte ich doch aus gesundheitlichen Gründen einige Einschränkungen und in der Schule, besonders im Sport, viele Freistellungen.  Das war mein eigentlicher Beweggrund.

 

Über meine erste Zeit sowie den vergeblichen Versuch der Stasi, mich anzuwerben, hatte ich bereits berichtet.

Wie aber endete meine Dienstzeit bei den Grenztruppen der DDR?

Letztlich hing dies mit meiner SED-Mitgliedschaft zusammen. So einfach hatten es die Genossen nicht mit mir. In einer Parteiversammlung erzählte ich von Jesus und musste daraufhin eine schriftliche Stellungnahme verfassen. Natürlich hatte ich auch eine Bibel im Spind und erhielt Post von christlichen Kurzwellensendern aus Südamerika.

Dennoch ließ man mich zunächst in Ruhe. Ich verlängerte sogar meine Dienstzeit auf zehn Jahre – und wurde selbstverständlich von vielen Seiten beobachtet.

 

So fuhr ich wieder einmal in den Urlaub. Innerlich arbeitete es in mir. Der Dienst als Funkaufklärer machte mir Spaß. Aber ich wollte nicht mehr Mitglied der Partei sein. Also beschloss ich, zu Hause meinen Austritt aus der SED auf der Schreibmaschine zu formulieren.

Mit diesem Schreiben kehrte ich zu meiner Einheit zurück. Ich klopfte an die Tür meines Chefs, eines Stabsoberfähnrichs, meldete mich ordnungsgemäß aus dem Urlaub zurück und überreichte ihm das Schriftstück.

 

Er schrie mich an und wählte die Abteilung 2000 – die Stasi innerhalb der Grenztruppen. Sofort wurde ich unter Bewachung gestellt. Meine unterstellten Unteroffiziere bewachten mich mehrere Stunden mit ihren Kalaschnikows. Kein Wort durfte gesprochen werden. Einige Stunden später kamen Vorgesetzte aus dem Kommando der Grenztruppen, um mich noch am selben Tag dorthin zu überführen.

Ein einziges Telefonat wurde mir gewährt. Meine Eltern hatten kein Telefon, also rief ich Verwandte an, die meine Mutter ans Telefon holten. Es war für uns beide ein schlimmes, trauriges Gespräch – das zusätzlich abgehört wurde.

 

Kurz darauf wurde ich ins Kommando nach Königs Wusterhausen verbracht und unter Arrest gestellt. Es gab Verhöre. Die Stasi prüfte, ob ich ein Spion sei oder ob man mir dienstliche Vergehen nachweisen könne. Ohne Erfolg. Man fand erneut einige Verse von mir – kaum noch leserlich. Doch die Genossen von Stasi und Grenztruppen kamen nicht weiter.

Nachdem alle Nachforschungen ergebnislos geblieben waren, wurde der Arrest gelockert. Ich musste Dienst verrichten und mich im Kommando aufhalten, das ich ohne Passierschein nicht verlassen durfte. Schließlich wurde ich beurlaubt, um mir eine Arbeitsstelle zu suchen und mich beim zuständigen Wehrkreiskommando sowie beim Rat des Kreises zu melden. Nachdem alles geregelt war, kehrte ich mit meinem Arbeitsvertrag noch einmal ins Kommando der Grenztruppen der DDR zurück.

 

Warum dieser Aufwand? Man hätte mich doch einfach entlassen können.

Doch das war nicht möglich. Da mir weder dienstlich noch strafrechtlich etwas nachgewiesen werden konnte, musste ich nahtlos in ein ziviles Arbeitsverhältnis übergehen. Eine unehrenhafte Entlassung war nicht begründbar.

Ich hatte nicht erwartet, dass alles so verlaufen würde. Ich wollte lediglich aus der SED austreten.

 

Das letzte dienstliche Gespräch führte ein Oberst, der Chef Grenzaufklärung, mit mir. Ruhig. Kalt. Sachlich.

Seine Worte waren kein Ausbruch, sondern ein Urteil:

„In diesem Staat bekommen Sie nie mehr einen Fuß auf den Boden.“

 

Damals war es eine Drohung.

Heute klingt es für mich wie ein Echo.

Über 26 Jahre sind vergangen. Die DDR existiert nicht mehr. Die Uniformen sind verschwunden, die Parolen verstummt, die Akten archiviert. Ein anderes System steht vor dem Abgrund. 

 

Ich hätte längst Einsicht in meine Stasi-Unterlagen nehmen können. Doch erst diese Woche habe ich einen Antrag gestellt. Ich weiß von einigen, die über mich berichtet haben. 

 

Doch eigentlich beschäftigt mich eine andere Frage: Was wäre gewesen, wenn es die Wende nicht gegeben hätte? Gab es für mich einen Plan? Eine unsichtbare Linie, die mein weiteres Leben bereits festlegte? Sollte ich wirklich keinen Boden mehr unter die Füße bekommen?

 

Damals, 1989, hatte ich Mut. Ich trat aus. Ich nahm Arrest, Verhöre und Ungewissheit in Kauf. Ich habe es überstanden. Es war mein Abenteuer Grenztruppen.

 

Heute gibt es keine Verhöre. Keine Kalaschnikows. Keine Abteilung 2000.

Und doch fühlt sich manches schwerer an.

Eine betriebsbedingte Kündigung.

Arbeitslosigkeit. Depression.

Der Satz des Obersts klingt wieder in mir nach. Nicht mehr als staatliche Drohung, sondern als innere Stimme.

 

Die eigentliche Frage liegt jetzt nicht darin, ob es für mich wieder einen Platz gibt. Sondern ob ich mir selbst wieder Boden verschaffen kann.

 

1989 habe ich mich gegen ein System gestellt. 2026 muss ich mich gegen das Aufgeben stellen.

Damals nahm man mir die Freiheit.

Heute darf ich sie mir selbst nicht nehmen.

Beginnt der Boden dort, wo man aus Erschöpfung stehen bleibt?

 

© Uwe Seltmann

20. Februar 2026